www.lager-stelle.de

Die Idee der Demokratie




1.) Vernunft kann zu verläßlicher Herrschaft nur kommen, wenn nicht wenige einzelne, abseits in ihrer Einsamkeit, sondern wenn die Völker mit ihrem Führern durch sie bestimmt werden. Das ist nur möglich, wenn jeder einzelne die Chance hat, mitzudenken und mitzuwirken.
Folge ist: Demokratie verlangt die Erziehung des gesamten Volkes dazu, daß jeder die seiner Naturanlage nach mögliche Fähigkeit zum Mitdenken und Urteilen erreicht.
Demokratie verlangt die Publizität des Denkens, insbesondere der Nachrichten, Diskussionen, Vorschläge, Entwürfe.

2) Vernunft ist nicht Besitz, sondern ist auf dem Weg. Sie kann nur über die Erziehung aller zur Demokratie als gemeinschaftlichem Denken und Tun führen. Daher ist Demokratie nie etwas Endgültiges, sondern sich in der Gestaltung Wandelndes.
Folge ist: Demokratie verlangt Selbstkritik. Sie hält sich nur, indem sie ihre Erscheinung verbessert.

3) Die Vernunft eignet grundsätzlich jedem Menschen. Daher hat jeder Einzelne seinen absoluten Wert und darf nie nur Mittel sein. Jeder ist unersetzlich. Das Volk sind alle und jeder. Das Ziel ist, daß jeder Mensch das eingeborene Wesen des Menschen, die Freiheit, gemäß seinen Gaben verwirklichen könne.
Die Folge ist: Demokratie will Gleichheit: sie will allen gleiche Rechte als gleiche Chancen geben. Dies Ziel ist, soweit es überhaupt möglich ist, allein durch den Rechtsstaat erreichbar. Die Handlungen aller, auch der Staatsführer, sind gebunden an Gesetzte, die auf gesetzlich geordnetem Wege zustande kommen und geändert werden können. Ein Wandel der Verhältnisse verlangt einen Wandel der Gesetze. Die immer bleibende Ungerechtigkeit verlangt ohne Aufhören bessere Gesetze.

4) Vernunft wirkt durch Überzeugung, nicht durch Gewalt. Da aber durch Handlungen von Menschen die Gewalt wirklich da ist, muß Vernunft zur Selbstbehauptung gegen Gewalt auch Gewalt anwenden.
Folge ist: Demokratie wendet Gewalt an durch Polizei gegen Gesetzeswidrigkeit, aber nur auf dem Wege gesetzlicher Regelung und richterlichen Urteils. Dadurch ist jeder gegen willkürliche und ungesetzliche Gewalt des Staates geschützt, hat Sicherheit für Leib und Leben.

5) Die Vernunft geht als Gesinnung allen bestimmten Gesetzen und Institutionen vorher. Vor allen Gesetzten und aller Gesetzgebung werden Menschenrechte anerkannt, die alle gemeinsam binden und befreien und selber nicht einer ihrer Natur nach wandelbaren Gesetzgebung unterstehen. - Vor aller Beurteilung, Wertschätzung und Ordnung dessen, was Menschen in Ihrer Mannigfaltigkeit tun. steht die Liberalität in der Anerkennung aller menschlichen Möglichkeiten. Dem Erdenken, Beschließen und Befolgen der Gesetze geht voraus die Empfindlichkeit gegen Ungerechtigkeit und Unrecht überhaupt.
Die Folge ist: Demokratie formuliert Menschenrechte und sucht sie der Gefährdung durch künftige Beschlüsse zu entziehen. Sie schützt alle Einzelnen, schützt die Minoritäten gegen illiberale Vergewaltigung seitens der Mehrheit. Sie lebt durch die Aktivität der Sorge, die jedes Unrecht, das irgendeinem Geschieht, zur Sache aller macht.

6) Die Vernunft vergißt in der politischen Verkirklichung nicht: Es sind immer Menschen, die regieren. Sie sind Wesen von der selben Art wie die Regierten. Menschen haben Mängel und sind Irrtümern ausgesetzt.
Die Folge ist: Auch die Regierung durch die besten Menschen bedarf noch zu irgendeinem Zeitpunkt der Kontrolle. Diese aber kommt wieder von Menschen. Daher ist sie notwendig gegenseitig: im geistigen Kampf der Diskussion; in der Verteilung der Ämter; in den Rechenschaften.

[...]
Karl Jaspers




zurück



last update 26.11.05