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Gehen



Aus: Gehen


[...]Hören wir etwas,[...],prüfen wir, was wir hören und prüfen, was wir hören, so lange, bis wir sagen müssen, das Gehörte ist unwahr, es ist eine Lüge, das Gehörte. Sehen wir etwas, prüfen wir das, was wir sehen, so lange, bis wir sagen müssen, das, was wir sehen, ist entsetzlich. So kommen wir das ganze Leben nicht mehr aus Entsetzlichkeit und Unwahrheit und Lüge heraus, sagt Oehler. Tun wir etwas, so denken wir über das, was wir tun, so lange nach, bis wir sagen müssen, es ist etwas Gemeines, es ist etwas Niedriges, es ist etwas Unverschämtes, es ist etwas ungeheuerlich Trostloses, was wir tun, und daß naturgemäß falsch ist, was wir tun, ist selbstverständlich. So wird uns jeder Tag zur Hölle, ob wir wollen oder nicht, und was wir denken, wird, wenn wir es überdenken, wenn wir dazu die erforderliche Geisteskälte und Geistesschärfe haben, in jedem Fall immer zu etwas Gemeinem und Niedrigem und Überflüssigem, was uns lebenslang auf die erschütterndste Weise depremiert.[...]

[...]Wir beobachten einen Menschen in einer verzweifelten Lage, die wir als verzweifelte Lage erkennen und es ist uns auch der Begriff der verzweifelten Lage klar, aber wir tun nichts gegen die verzweifelte Lage dieses Menschen, weil wir gegen die verzweifelte Lage dieses Menschen nichts tun können, weil wir im wahrsten Sinne des Wortes gegenüber der verzweifelten Lage eines solchen Menschen ohnmächtig sind, obwohl wir einem solchem Menschen und seiner verzweifelten Lage gegenüber durchaus nicht ohnmächtig sein müssen, was wir zugeben, sagt Oehler.[...]

Thomas Bernhard



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last update 01.08.06